Projektausgangssituation

Ausgangssituation in Lüneburg:
Auf folgende Handlungsbedarfe möchten die Hansestadt und der Stadtjugendring Lüneburg mit dem Förderprogramm „Demokratie leben!“ gemeinsam reagieren:

  • 17% der in Lüneburg lebenden Menschen besitzen einen Migrationshintergrund. Aufgrund der zunehmenden Flüchtlingsströme wird dieser Anteil weiter steigen. Aktuell laufen in der Hansestadt Lüneburg rund 600 Asylverfahren. Die Asylbewerber wurden auf verschiedene Stadtteile verteilt, darunter eine Vielzahl von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen. Es wurden 7 neue Flüchtlingsunterkünfte eingerichtet. Das Engagement, das Stadt und Bevölkerung den Flüchtlingen entgegenbringen, birgt gleichzeitig die Herausforderung, anderen Bevölkerungsgruppen aus sozial benachteiligten Verhältnissen weiterhin im gleichen Umfang mit Unterstützungs- und Förderangeboten zur Seite zu stehen.
  • Im Hinblick auf das interkulturelle Miteinander ist grundsätzlich eine freundliche Stimmung spürbar. Hemmschwellen und Berührungsängste sind jedoch deutlich wahrzunehmen, insbesondere zwischen der muslimischen und der nicht-muslimischen Bevölkerung. Formen von offenem und subtilem Alltagsrassismus stellen ein alarmierendes Problem dar. Immer wieder kommt es zu Diskriminierungen, Ausgrenzungen, Abweisungen, Beleidigungen und rassistischen, islamfeindlichen Äußerungen, v.a. auch unter Kindern und Jugendlichen. Vorurteile, Unkenntnis und Unsicherheit scheinen hier handlungsleitend zu sein und sich besonders auf die Haltungen der jungen Menschen in den Stadtteilen auszuwirken.
  • Parteifunktionäre und Anhänger aus der rechten Szene (u.a. NPD, AfD, DIE RECHTE, HoGeSa, „Tag der deutschen Patrioten“ und „Völkische Siedler“) sind in Lüneburg und Umgebung ansässig und aktiv, auch ihre Kinder. Im NPD-Bundestagswahlkampf 2013 war Lüneburg eine Station bei der sogenannten „Deutschlandfahrt“. Nach wie vor ist in Lüneburg der Onlinevertrieb der Firma Hatecore ansässig, der neofaschistische Fanzies, Bekleidung und Tonträger vermarktet. Treffen, Versammlungen und Kundgebungen der rechten Szene sowie Musikkonzerte mit rechtsradikalen Texten, die sowohl in direkter als auch in fernerer Umgebung stattfinden, werden von einzelnen Lüneburger_innen besucht, zum Teil sogar mitorganisiert und moderiert, darunter sind auch Kinder und junge Erwachsene.
  • In jüngster Zeit wurden Aufkleber mit fremdenfeindlichen Schriftzügen in einer Flüchtlingsunterkunft entdeckt.
  • Einzelne junge Menschen aus dem Feld der Jugendhilfe, konkret der Jugendgerichtshilfe, sind rechtsextremen Gruppierungen zugeneigt. Besonders besorgniserregend erscheinen die in den letzten Monaten enorm gestiegenen Aktivitäten der „Identitären Bewegung“, einer rechten Jugendorganisationen, der in Lüneburg junge Menschen im Alter von 17-25 Jahren mit unterschiedlichem Bildungsgrad angehören. Neben Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken wurden im Oktober 2015 in Nacht- und Nebelaktionen Flugblätter, Plakate und Aufkleber mit gewieften, subtil-rechtsradikalen Inhalten in Briefkästen verteilt und in der Innenstadt an Schaufenstern und Stromkästen platziert.
  • Beunruhigend ist, dass die genannten rechten Gruppierungen die aktuelle Flüchtlings- und Asyldebatte nutzen, um fremdenfeindliche Hetzkampagnen anzufeuern und neue Mitglieder, v.a. auch Jugendliche, zu gewinnen.
  • Hin und wieder kommt es auch zu körperlicher Gewalt. So ist es noch nicht lange her, als bei einem Familienkonflikt kurdischer Mitbürger_innen eine gewalttätige Auseinandersetzung mit Schusswaffen eskalierte. Die Polizeipräsenz wurde für den anschließenden Prozess im Jahr 2015 erhöht. Die Gewaltbereitschaft von jungen Menschen aus Multiproblemfamilien sowie schulformübergreifende Konflikte zwischen Schüler_innen mit unterschiedlichem Bildungsgrad sind gehäuft aufgefallen.
  • Auch innerhalb der muslimischen Community existieren in Lüneburg Spannungen
  • In den Schulen zeigt sich immer wieder, dass die Gleichberechtigung und die Chancengleichheit von Mädchen und Jungen sowie der tolerante Umgang mit verschiedenen sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten noch keine Selbstverständlichkeit ist. Auch unterschiedliche kulturelle Rollenverständnisse der Frau führen im Schulalltag zu Konflikten.